Transplant-Kids Camp 2015

 

 

Wieder aufs Meer…

Katja Konwer, Wolfgang Ludwig

 

So sangen die Jungs von Santiano im letzten Jahr.  Aber auch ohne Santiano  wären wir in diesem Jahr wieder aufs Meer gefahren, denn das Erlebnis von 2013 hatten wir noch in guter Erinnerung. In diesem Jahr hatten wir 26 Kinder1 dabei, auch Slowenien und die Niederlande waren darunter vertreten. Unter den Kindern waren diesmal auch zwei Rolli-fahrer, beide auch transplantiert, das erfordert zum Teil mehr Betreuungsaufwand. Dazu  Betreuer, Ärzte, die Küchencrew sowie die Mannschaft der „Novel“. Die „Novel“ ist ein 40m langes Plattbodenschiff, das in seinem 1. Leben ein Frachtsegler war und nach einem großen Umbau nun in der Personenschifffahrt „aktiv“ ist.  Aber eins ist noch wie früher: Es zählt nur Handarbeit. Alle Segel, es waren insgesamt 6 Segel an drei Masten mit zusammen fast 400m² Segelfläche, mussten per Hand gesetzt werden und später auch wieder per Hand geborgen werden. Es gibt keine mechanische Unterstützung auf der „Novel“. Zum Segel setzen mussten alle ran, egal ob klein oder groß, egal ob Sonne oder Regen….wie früher. Aber das macht auch Spaß… na ja, meistens. Und am Ende der Woche hätten alle eine Medaille für sportliche Betätigung verdient: Meister im Segel setzen und bergen, Muskelkater inklusive.

 „Hippolino“ Sonnenschutzschulung

Um uns auf 8 Tage Sonne einzustimmen – wir hatten neben der „Novel“ auch Sonne gebucht – gab es zunächst eine Sonnenschutzschulung von „Hippolino“. Zu diesem Zweck waren extra Referenten und eine Hautärztin aus dem fernen Bremen angereist. Um das ganze möglichst praxisnah zu gestalten wurde die Schulung bei schönstem Sonnenschein an Bord durchgeführt während die „Novel“ mit Kurs auf Medemblik, dem ersten Ziel, unterwegs war. Wir immunsupprimierten sind extrem empfindlich was die UV-Strahlung angeht.

Mangels Wind musste dann auch mal der Motor der „Novel“ angeschmissen werden. Medemblik - unser erstes Ziel - hatte etwas ganz Besonderes zu bieten: Kirmes, Jahrmarkt, Send oder wie auch immer das heißt, sozusagen die letzten irdischen Dinge bevor es in die Weiten und die Ruhe des Wattenmeers ging.

Wattwandern

Nach einem Super-Frühstück (etwa ****) und der täglichen Tabletteneinnahme („Immunsuppressiva nehm‘ ich, aber den Rest nicht“) wurde am nächsten Tag um 10:00 abgelegt. Ziel unseres Skippers Arnold war es, sich auf einer Sandbank nahe Texel trockenfallen zulassen um uns die Möglichkeit des Wattwanderns zu geben. Sportlich gesehen ist der heutige Tag etwas anstrengender: Da wir durch die Schleuse  „Stevensluizen“ in das Wattenmeer fahren müssen wir vor der Schleuse die Segel bergen – und nach der Schleuse wieder setzen. Dann nimmt Arnold Kurs auf eine Sandbank im Süden von Texel. Mit viel Gefühl setzt er die 200 Tonne der „Novel“ auf die Sandbank – und dann heißt es warten bis kaum noch Wasser da ist und raus: In dem knöcheltiefen Wasser werden allerlei Meeresgetier gesucht, Muscheln, Krebse und was es sonst noch so alles gibt. Und so vergeht die Zeit. Und einige merken gar nicht, dass das Wasser langsam wieder steigt…. Bei den letzten ist dann doch die kurze Hose etwas nass….das Wasser war schon wieder 80cm hoch. Einige fieberten dem nächsten Landgang entgegen – aber war nicht, wir haben auf dem Meer übernachtet, ein taschengeldschonende Variante und ein besonderes Erlebnis.

 Bordleben I

Auch auf dem Schiff ist eine gewisse Zeitstruktur möglich. So haben wir jeden Tag um 08:00 gefrühstückt (in den Ferien für einige nicht so toll) und gegen 10:00 wurde unter Motor abgelegt. Das Segel setzen nimmt etwa 45 Minuten in Anspruch und geht dann von Tag zu Tag etwas schneller. Zwischen 12.30 und 13:30 gab es dann regelmäßig noch einen „Mittagssnack“ – der aber ihn Form von Hot Dogs, Hamburgern, Wraps etc. immer wieder ein Leckerbissen war und zur kompletten Mahlzeit geriet.  Die nachmittägliche oder abendliche Ankunft ist wenig planbar, das hängt von Wind und Distanz ab. Aber so gegen 19:00 gab es dann üblicherweise das Abendessen

Wir hatten zwar eine Küchencrew, trotzdem gab es Küchendienste: Tisch decken, Tisch abräumen, saubermachen etc., aber alles überschaubar und machbar.

 Vlieland

Ein nicht so langer Schlag durchs Wattenmeer und wir kommen nach Vlieland – es soll dort Geschäfte geben…. Aber zunächst geht es mit alle Mann an den Strand: Drachen steigen lassen, chillen oder Wasserbombenschlacht. Für alle ist etwas dabei. Nachdem dann alle den Sand aus den Haaren geduscht haben geht es in den Ort; endlich mal shoppen – aber erst Mal 2km laufen…

Für uns Betreuer auch schön zu beobachten, dass die Kinder nicht nur rumalbern, sondern sich auch ruhig und lange unterhalten, austauschen können.

Der Hafen von Vlieland ist relativ klein und war bis zum letzten Platz gefüllt. Viele große Plattbodenschiffe kommen gegen Abend in den Hafen – ein stimmungsvolles Bild.

 Essen für 37 Mann/Frau, 3 mal am Tag, 8 Tage

Aber es gab auch noch mehr Handarbeit. Wie schon 2013 haben wir die Versorgung selber übernommen. Jürgen und Verena, unsere Küchencrew, haben sich im Vorfeld Knoten ins Gehirn gedacht, vorgekocht und Einkäufe erledigt: Das Resultat waren gut 600kg Lebensmittel in unserem Anhänger. Ohne den Anhänger, den wir von der Firma Brenderup geschenkt bekommen haben (Danke!), wären wir aufgeschmissen gewesen. Aus Erfahrung wissen wir: Gutes Essen beugt einer Meuterei vor – und dafür haben Jürgen und Verena gesorgt: 8 Tage lang; 3 mal am Tag, warm und kalt.

Und es gibt die nötige Theorie zum Essen. Jürgen erläutert die drei Hauptbestandteile der Nahrung: Eiweiße, Kohlehydrate und Fette – wobei man das natürlich „gesund“, aber auch „ungesund“ zu sich nehmen kann. Dazu kommen Wasser/Flüssigkeit, Ballaststoffe und Vitalstoffe (Mineralien, Vitamine). Aber auch die Bedeutung eines Essens als Gemeinschaftserlebnis (deswegen legen wir ja Wert auf gemeinsame Mahlzeiten) sind in diesem  Vortrag nicht zu kurz gekommen.

Terschelling

Nach nun mehr drei Tagen auf See müssen wir doch mal Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen. Dazu haben wir für jeden eine Flaschenpost vorbereitet. Der Plan: Auf dem Weg von Vlieland nach Terschelling schmeißen wir die Flaschen bei ablaufendem Wasser über Bord. Der starke Ebbstrom soll die Flaschen dann durch das Seegatt zwischen Vlieland und Terschelling in die Nordsee bringen und dann weit weg treiben lassen. Wie gesagt, das war der Plan….

Leider ist irgendwas schief gelaufen – viele Flaschen sind an der Südwest-Küste von Terschelling aufgefunden worden…aber eine ist bis nach Hvide Sande getrieben, Norddänemark.

Seis drum – dafür haben viele  Post bekommen…

Bordleben II

Wir sind ja inzwischen gut ausgestattet. Spielkiste drinnen, Spielekiste draußen, und noch jede Menge allerlei. Wenn dann mal nicht chillen angesagt war, so hatten alle die Möglichkeit sich an den Spielekisten zu bedienen – da gab es auch echte Favoriten: Werwolf, Monopoly und Bingo auf der einen Seite, aber auch Schach wurde gerne gespielt. Auf diese Weise konnten auch die, die körperlich nicht so fit waren, sich integrieren. Bei 26 Kindern gibt es natürlich auch mal die eine oder andere Unpässlichkeit, aber dafür hatten wir unsere Bordärztin mit. Aber ernste Dinge sind nicht passiert. Und das nicht jedem alles schmeckt, das gibt es auch zu Hause. Aber verhungert ist keiner.

 Seehunde

Trockenfallen, Wattwandern und Seehunde gucken – das hatten wir uns für das Wattenmeer vorgenommen. Trockenfallen und Wattwandern haben wir abgehakt, bleiben die Seehunde. Arnold, unser Skipper, eher nicht so der Seehundfan, will vor allem unseren kleineren Gästen dann doch zumindest mal an die Seehundbänke fahren. Und wir haben Glück, hunderte liegen da faul in der Sonne. Die Freude an Bord ist groß, die Kameras werden gezückt und los geht’s.

Aufgrund des etwas dürftigen Windes mussten wir die Ankunftszeit für Makkum ständig nach hinten korrigieren.

Es war einmal eine Insel

Unsere letzte und auch längste Etappe ging von Makkum nach Urk. Urk ist eine alte Fischerstadt (eigentlich die einzige am Ijsselmeer, das andere sind eher Bauerndörfer mit angeschlossenem Hafen), die bis 1939 eine Insel war. Die Gelüste der eng besiedelten Niederlande nach neuem Land waren in dieser Zeit noch sehr groß und so wurden die Gebiete nordöstlich der Insel trockengelegt und der heutige Nordostpolder entstand. Noch heute besitzt Urk eine große Fischereiflotte.

Für uns geht es gemütlich los, so gemütlich, dass mangels Wind auch ein näheres Tagesendziel in Betracht kommt. Aber Arnold, mit viel Erfahrung im Nacken, legt sich fest. Um 14:00 kommt Wind. Na denn.

14:00, Wind kommt, die 200 Tonnen der „Novel“ kommen in Bewegung und wir rauchen bald mit 7,8 Knoten Fahrt Richtung Urk, dass wir am frühen Abend nach 27 Seemeilen erreichen. Für einige war der in der Nähe des Hafens liegende Supermarkt mit seiner großen Süßwarenabteilung nach harten und entbehrungsreichen Tagen auf See wie eine Oase…. 

Fazit

Es war wieder ein tolles Erlebnis, auch wenn es durchaus anstrengend war – das wussten wir aber vorher. 8 Tage Sonne, fast immer Wind sind natürlich ideale, äußere Voraussetzungen. Noch nie hatten wir 26 Kinder in unserem Transplant-Kids Camp, diese Anzahl war natürlich eine neue Erfahrung und in bestimmten Bereichen auch eine Herausforderung, die wir meistern mussten. Wir haben wieder eine Menge gelernt und werden das eine oder andere im nächsten Jahr umsetzen. Es zeigt aber auch den steigenden Bedarf an dieser Art von Angeboten für organtransplantierte Kinder.

Natürlich gibt es auch im nächsten Jahr wieder ein Transplant-Kids Camp, mehr dazu im nächsten Heft oder auf unserer Internetseite.

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  1Der Einfachheit schreiben wir Kinder, es sind aber Kinder und Jugendliche gemeint.