Transplant-Kids Camp 2013

Vom 5.-11.8.2013 war die "La Boheme" Unterkunft, Erlebnisort und Fahrzeug in Einem. Mit fast 20 Kindern haben wir 7 unvergessliche Tage auf Ijsselmeer und Wattenmeer verbracht. Eine dynamische Truppe hat uns in den ersten beiden Tagen auf Trab gehalten. Vieles war neu: die Umgebung, die anderen Kinder, die Betreuer, jeden Abend an einem anderen Ort. Doch nach und nach spielte sich ein geregeltes Bordleben ein und wir konnten unser Programm absolvieren.

   

Unsere Förderer:

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aok bv

kroschkestiftung

Unsere Route: Karte Flaschenpost: Karte

StiftungGSM Logo

 

 

Das Meer ist weit, das Meer ist blau.

oder:

Wenn man eine Reise tut, dann kann man was erleben. Und was wir erlebt haben, lest ihr hier:


Fast 20 kleine Landratten aus ganz Deutschland haben sich am 4.8.2013 auf dem Weg nach Enkhuizen am Ijsselmeer gemacht. Ziel war das älteste, noch segelnde Schiff in den Niederlanden, die „La Boheme“. Die „La Boheme“ war für eine Woche Unterkunft, Erlebnisort und Fahrzeug in Einem.
Diese 1876 erbaute „Stevenaak“ ist ein relativ seltener Schiffstyp. In ihrem ersten Leben fuhr die „La Boheme“ unter Segeln den Rhein bis Basel hinauf. Die ersten Brücken über den Rhein, die der aufkommende Schienenverkehr mit sich brachte, führten zum Ende der Segelschifffahrt auf dem Rhein – die Masten waren schlicht zu hoch. Skipper Leon hat dieses Schiff in den 80er Jahren erworben, restauriert und den heutigen Erfordernissen, auch was die Sicherheitsstandards angeht, angepasst.
Nach dem wir beim Transplant-Kids Camp 4 Jahre lang „festen“ Boden unter den Füßen hatten, reizte uns der Gedanke das Transplant-Kids Camp einmal auf dem Wasser durchzuführen. Der Reiz liegt darin, nicht genau zu wissen, wo man am nächsten Abend ist. Dies machte die Planung in manchen Punkten etwas aufwendiger, zumal auch das Wetter nicht planbar ist. So hatten wir mehr Dinge im Gepäck, als wir letztlich durchführen konnten, aber wir waren für alles gewappnet.

 

Enkhuizen – Medemblick, 1. Tag

28 Mann/Frau auf 28m

Zu Gast hatten wir am ersten Tag Frau Varkevisser (Eurotransplant), wir haben sie eingeladen uns einen Tag zu begleiten und sich von unserem Transplant-Kids Camp ein Bild zu machen. Sie war von unserer Arbeit sehr angetan.
Die eintreffenden Kinder bezogen zunächst ihre 4- und 2- Bett-Kajüten und waren bald fertig für unser Kennen Lernspiel: eine Schnitzeljagd mit GPS Geräten. In zwei Gruppen mussten auf unterschiedlichen Wegen diverse Aufgaben gelöst werden. Einen Wetterbericht beim Hafenmeister besorgen, eine Brücke vermessen, einen Schäkel kaufen und andere Aufgaben mussten erledigt werden. Die über 3km und 16 Aufgaben umfassende Rallye war in knapp 2 Stunden erledigt. Und dann ging es endlich los. Dank des günstigen Windes war ein Ablegen unter Segeln möglich, das ist großes Kino. Doch zunächst war einmal Segel setzen angesagt – auf so einem Schiff eine richtig schwere Arbeit. 180m² Großsegel müssen von Hand bis zur Spitze des 24m hohen Mastes gezogen werden. Damit hatten erst einmal alle Kinder und Betreuer zu tun, denn das geht nicht elektrisch, sondern alles von Hand. Und als ob das nicht genug ist, folgt dann auch noch das Vorsegel....
Unser erster Zielpunkt war Medemblik, etwas nördlich von Enkhuizen. So hatten wir zunächst einmal 2 Stunden um uns an das Segeln zu gewöhnen, uns kennenzulernen und uns zu sortieren. Das Essen hatten wir bei Henny vorgebucht. So blieb uns am ersten Abend mehr Zeit die Kinder – und für uns.
Die neue Umgebung, viele neue Gesichter, all das war am ersten Tag sehr aufregend, so aufregend das kaum jemand (außer den Betreuern) in den Schlaf kam. Zudem ist eine unheimliche Dynamik in der „kleinen“ Truppe...

 

Medemblik – Harlingen, 2. Tag

Raus auf’s Wattenmeer

Der erste Morgen. Nicht die Sonne, sondern die Medikamente bestimmen den Beginn des Tages. Bei manchen Kindern klappt das ganz von alleine, bei anderen ist neben dem Erinnern auch etwas Überzeugungsarbeit nötig – aber deswegen sind sie ja hier. Die einen benötigen nur 2 Mal am Tag Medikamente, andere bis zu 7 Mal....
Um den Überblick zu behalten haben wir zwei große Tafeln in der Messe des Schiffes untergebracht, dort gibt es auch Smileys für Medikamenteneinnahme, für die Erfüllung des Küchendienstes usw..
Der Küchendienst, allen voran Jürgen und Wilhelm, wirbelt, unterstützt von drei Kindern durch die „Großraumküche“. Zusammen mit dem Skipper, seinem Maat (Melanie) und dem Bordhund Timmi sind wir fast 30 Leute, die es gilt dreimal am Tag satt zu bekommen. Einen Großteil der Lebensmittel haben wir im Vorfeld eingekauft und die Kinder hatten Hunger, mehr als wir dachten und nach den Erfahrungen der letzten Jahre zu erwarten war. Heuschrecken sind nichts dagegen.
Jedenfalls schmeckt es allen, vor allem das Rührei. Nach dem Frühstück wird das Schiff seeklar gemacht: Aufräumen, unter Deck und auf dem Deck. Völlig begeistert sind wir von der Spülmaschine – 2 Minuten braucht die für einen Durchgang.
Mit halbem Wind rauschen wir der Seeschleuse Kornwerderzand entgegen, dann geht es raus aufs Wattenmeer – Nordseeluft schnuppern. Die 8 Seemeilen von der Schleuse nach Harlingen sind in knapp 90 Minuten erledigt. Dann geht es in die Stadt – powershopping.
Die Hitze fordert ihren Tribut – wir müssen mehr Wasser bunkern. Also ab zu Albert Hein und die Regale leer machen.....
Mitunter gibt es auch Diskussionen. „Du [einer der Betreuer] nimmst Deine Medis freiwillig!!! Ich werde dazu gezwungen  , dauernd kommt ihr angerannt“ bekommt man dann auch schon mal zu hören.
Die Gruppe und Einzelgespräche haben aber positiven Einfluss auf diejenigen, die noch nicht so selbstständig bei der Tabletteneinnahme sind.  Die Kinder sehen, dass man die Medikamente auch selbstständig nehmen kann.

 

Harlingen – Terschelling, 3. Tag

Auf zu den Inseln

Um Struktur in den Tag zu bekommen, haben wir das Frühstück seit dem ersten Tag auf 08:00 gelegt, den Beginn des Küchendienstes auf 07:00 Uhr – egal wann das Schiff ablegt. Wind und Wetter sind günstig, so dass wir Terschelling als Tagesziel festlegen. Bei Hochwasser verlassen wir den Hafen, machen uns die Tidenströmung zu Nutze und rauschen gen Terschelling. Das letzte Stück wird echte Knochenarbeit – es geht gegen Wind und Strömung. Wir müssen kreuzen. Zum ersten Mal legt sich die La Boheme richtig schräg. Nur langsam kommt der Hafen näher – aber irgendwann ist es geschafft. Beim Segeln wechseln sich Aktivität (Segel setzen, Anlegen, Wenden) und Entspannung ab. In den ruhigen Phasen haben die Kinder Gelegenheit sich untereinander auszutauschen – ganz wichtig. Aber auch wir haben Gelegenheit uns mit ihnen zu unterhalten und Hinweise auf die Wichtigkeit der Medis zu geben, aber auch dass Compliance keine Einbahnstraße ist und auch,  dass kleine Patienten das Recht haben gehört zu werden.
Heute gibt es von Jürgen und Wilhelm die kleine Knotenkunde. 5 wichtige Seemannsknoten werden erklärt.
Bei den Spielen ist „Werwolf“ der absolute Favorit, noch beliebter als am Handy daddeln.
Geplant ist für morgen ein Strandtag, der Wetterbericht verheißt warmes bis heißes Wetter.

 

Terschelling – Vlieland, 4. Tag

Flaschenpost, Drachen steigen und ein Fehlalarm

Vor dem Ablegen bemalen wir die mitgebrachten Drachen, die wir dann heute Nachmittag am Strand steigen lassen wollen. Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Hauptsache bunt.
Nur 10 Seemeilen sind es von Terschelling nach Vlieland. Dabei queren wir das Seegatt zwischen Terschelling und Vlieland. Hier strömt das Wasser mit großer Geschwindigkeit aus dem Wattenmeer in die Nordsee. Hier wollen wir unsere vorbereitete Flaschenpost dem Meer übergeben und hoffen, dass die Strömung die Flaschen weit in die Nordsee treibt. Für jedes der Kinder haben wir eine Flaschenpost vorbereitet. Auf die Karte müssen unsere kleinen Gäste nur noch ihre Anschrift und die Position unseres „Flaschenabwurfs“ schreiben; eine lösbare Aufgabe.
Kurz vor Vlieland: Melanie, unser Maat ruft: Seehunde. Alle Frau/Mann an die Reling. Ganz viele Seehunde. Aber die bewegen sich nicht, liegen faul in der Sonne. Leon fährt näher ran. Noch immer bewegt sich nichts. Auf Sichtweite müssen wir feststellen: Büschel von Seegras….
Kurze Zeit später machen wir auf Vlieland fest. Als Mittagssnack zaubert der Koch Hot-Dogs – die schmecken gut und finden reißenden Absatz.
Der Strandtag ist der Hit, alle wollen ans Wasser. Den Großen ist es dann aber doch zu kalt, die gehen dann lieber Krebse fangen, die Kleinen genießen es jedoch total im Wasser zu planschen.
Am frühen Abend lassen wir die Drachen steigen. Fast 20 Stück fliegen am blauen Himmel. Ein wunderbares Bild. Dank des starken Windes haben die Kinder nachher ein 3D-Puzzle zu lösen – einige Drachenleinen sind vollständig ineinander verheddert.
Morgen wollen wir nach Texel, ca. 22 Seemeilen von Vlieland entfernt.

 

Vlieland – Stavoren, 5. Tag

Skandal: Seepferdchenfleisch in Fischstäbchen gefunden

Über Nacht hat der Wind aufgefrischt und gedreht. Windstärke 5-6, Richtung Südwest passen nicht für das Ziel Texel. Es wäre eine stundenlange Bolzerei gegen den Wind. Wir entscheiden uns für Stavoren und fahren zurück auf das Ijsselmeer. Bei halben bis am Wind Kursen erreichen wir am späten Nachmittag den Hafen. Leon zeigt uns wieder ein perfektes Manöver: Rückwärts einparken mit Schiff. Klasse.
Beim Abendessen dann der Skandal: Die von Jürgen mit viel Liebe zubereiteten Fischstäbchen enthalten Spuren von Seepferdchenfleisch  . Man schmeckt es Gottseidank nicht….
Wir haben zwei Kinder mit PEG-Sonden in unserer Crew, ein drittes steuert daraufhin. Eins der PEG-Sonden Kinder wollte diese Woche ohne die Ernährungsunterstützung auskommen – d.h. ordentlich Essen.  Und so haben sich die Kinder gegenseitig angestachelt und gut zu geredet auch vernünftige Portionen zu Essen. „Du musst ordentlich Essen – sonst bekommst Du auch so eine Sch…. Sonde“. Da hat es jemand auf den Punkt gebracht.

 

Stavoren – Hoorn, 6. Tag

Remineszenz an die Kap Hoorniers

Für die letzten beiden Tage müssen wir wieder etwas einkaufen, 8m Baguette, 7 Liter Milch.... alles in nicht haushaltsüblichen Mengen. Dass Seeluft hungrig macht, können wir nur bestätigen. Mehr als hungrig.
Unsere Schulungen zeigen erste Erfolge. Da kommt doch eine junge Dame mit einem Tablettenschächtelchen an den Frühstückstisch, der wir das die ganze Woche hinterhertragen mussten….
Dann geht es Richtung Hoorn, eine der schönsten Städtchen am Ijsselmeer. Aus Hoorn kamen die Seefahrer nach denen Kap Hoorn benannt worden ist. Im Gegensatz zum Kap Hoorn ist Hoorn ein eher friedliches Städtchen – bis die La Boheme anrückt….

 

Hoorn – Enkhuizen, 7. Tag

Aus. Vorbei. Der letzte Tag.

Der letzte Tag ist angebrochen, etwas Wehmut macht sich breit. Wir verlassen Hoorn, eines der malerischen Städtchen im südlichen Ijsselmeer. Raumer Wind lässt die Boheme sanft durchs Wasser gleiten.
Jürgen verteilt mit launigen Worten die Steuermannspatente – nun können unsere Kleinen auf große Fahrt gehen.
An den beiden letzten Tagen haben die Kinder eine kleine Seemannsprüfung abgelegt:
•    5 Seemannsknoten
•    3-5 Minuten die „La Boheme“ steuern
•    Fragen zur Seemannschaft beantworten
•    Auf niederländisch bis zehn zählen
•    Das Wort  „Hottentottenpotentatenattentäterlattengitterbeutelrattendattelbitterzittern“ auswendig aufsagen.
Das strenge Prüfungskomitee aus Leon, Jürgen und Wilhelm nahm sich der Prüflinge einzeln an. Jeder bekam zum Schluss ein Steuermannspatent und ist nun befähigt als Leichtmatrose auf große Fahrt zu gehen – vielleicht wieder mit uns.
Das Bordleben hat sich in den letzten Tagen prima eingespielt und eigentlich wollen wir nicht zurück nach Enkhuizen – aber es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir unser Transplant-Kids Camp auf dem Wasser abhalten werden.
Es ist ein sehr schönes Gefühl mit all den Kindern, die zwar erschöpft, aber doch guter Dinge sind, den winkenden Eltern entgegenzufahren.

 

Fazit

Die Verlängerung auf eine Woche hat sich ausgezahlt; man hat mehr Zeit sich mit jedem einzelnen Kind zu beschäftigen und unser Anliegen, einen Weg zwischen altersgerechtem Leben und Verantwortung für das transplantierte Organ zu finden, findet mehr Platz. Aber auch diese Woche ist viel zu schnell vergangen. Die Kinder haben sich nach einem Eingewöhnungsprozess gut an das etwas „minimalistische“ Platzangebot gewöhnt. Das wesentliche, zusammen Spaß haben, sich auszutauschen, etwas zu lernen und etwas zu erleben hat wunderbar funktioniert. Wir sind sicher, dass die Kinder von dieser Reise etwas mitgenommen haben.
Auch 2014 wird es wieder ein Transplant Kids Camp geben. Details spätestens im Dezember auf unserer Internetseite und per Newsletter.

Bedanken möchten wir uns für die finanzielle Unterstützung bei der Stiftung Gesundheitsservice, dem AOK Bundesverband und der Kroschke-Kinderstiftung. Daneben haben uns noch Geldspenden wie auch Sachspenden geholfen, das Transplant-Kids Camp 2013 durchzuführen.